Die Zeit, die Zeit

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Welche Faktoren beeinflussen das subjektive Zeitempfinden? (Bildquelle: M. Doobe)

Dieses Phänomen kennt jeder: Wenn man warten muss, scheint die Zeit nicht zu vergehen. Und wenn man schöne Dinge erlebt, rennt sie. Auch scheint die Zeit schneller zu verstreichen, je älter man wird. Woran liegt das und welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Dr. Isabell Winkler von der Technischen Universität Chemnitz hat sich mit dieser Fragestellung beschäftigt und herausgefunden, dass die Wahrnehmung von Zeit angeboren ist. Was jedoch eine lange beziehungsweise kurze Dauer bedeutet, müsse erlernt werden, ebenso wie Zählen oder die Uhr lesen.

Es gebe Faktoren, die die Zeitwahrnehmung beeinflussen und damit auch verfälschen können. Beispielsweise Ablenkung, emotionale Aktivierung oder körperliche Anstrengung. Die tatsächliche Dauer von Aktivitäten werde tendenziell unterschätzt, so Winkler. Zur Empfindung, dass die Zeit im zunehmenden Alter schneller vergeht, liefern ihre Studien dieses Ergebnis: Dieser Eindruck hänge nicht vom Alter ab, sondern sei ein Gedächtnisphänomen beziehungsweise einen Erinnerungseffekt. Der Alterseffekt der Zeitwahrnehmung entstehe beim Vergleich des rekonstruierten Zeitempfindens zwischen den verschiedenen Lebensperioden eines Menschen. Um mögliche Ursachen für den Alterseffekt zu untersuchen, wurden mehr als 500 Menschen im Alter von 20 bis 80 Jahren nach ihrem Zeitempfinden in der aktuellen und in früheren Lebensperioden befragt. Das Ergebnis: Übereinstimmend mit früheren Ergebnissen wurde ein deutlicher Alterseffekt erzielt, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer verschiedene Lebensperioden retrospektiv verglichen haben.

Stress lässt Zeit rückblickend schneller verstreichen

Zeitforscherin Winkler erklärt den Effekt so: „Wichtige Erklärungsfaktoren dafür sind die im Laufe des Lebens zunehmenden Handlungsroutinen und damit einhergehend das Erfahren immer weniger Lebensereignisse, die man zum ersten Mal erlebt. Retrospektiv rekonstruieren wir die Dauer von Zeitspannen auf Basis erinnerter Ereignisse in einem vergangenen Zeitabschnitt. Je mehr unterschiedliche Ereignisse erinnert werden, desto länger wird ein Zeitabschnitt geschätzt. Zunehmende Routinen führen zu weniger intensiv und bewusst erlebten Ereignissen oder Handlungen. Damit werden in derselben Zeitspanne weniger unterschiedliche Ereignisse beziehungsweise Elemente einer Handlung erinnert und die Dauer wird als kürzer wahrgenommen.“ Daher stelle sich rückblickend der Eindruck ein, die Zeit müsse schneller vergangen sein, obwohl sich dies in der entsprechenden Situation nicht so anfühlen muss. Kinder etwa erlebten natürlicherweise mehr Dinge zum ersten Mal und nehmen diese dadurch vermutlich intensiver und detailreicher wahr. Aufgrund dessen könne das Erlebte besser und facettenreicher erinnert werden, wodurch eine längere Zeitspanne rekonstruiert und die Zeit daher auch als länger dauernd erlebt würde.

Stress und Zeitdruck beschleunigen Zeitempfinden

Stress und Zeitdruck im Erwachsenenalter würden zusätzlich bewirken, dass Handlungen und Ereignisse weniger bewusst, detailreich und damit weniger achtsam erlebt werden können. Winkler: „Meist müssen mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden und man kann sich nicht die Zeit nehmen, sich auf Einzelheiten zu konzentrieren. Rückblickend werden dann meist weniger Elemente des Erlebten erinnert und die Zeitspanne als kürzer wahrgenommen.“ Demnach lassen Stress und Druck die Zeit rückblickend schneller vergehen. Sogar in der Situation, in der dieser Stress empfunden wurde, würde der Zeitverlauf als zügiger erlebt werden, da die Wahrnehmung einer Person in Stresssituationen stark von der Zeit abgelenkt werden würden.

Hängen Zeitwahrnehmung und Digitalisierung zusammen?

Isabell Winkler vermutet, dass die Digitalisierung die Zeitwahrnehmung verändert. Es gebe durch die Digitalisierung potentiell mehr Ablenkung und im Gegenzug kaum noch Wartezeiten, die zur Entschleunigung und zur Achtsamkeit zwingen. Die Zeit könne daher durchaus als schneller vergehend erlebt werden – sowohl auf Künftiges als auch Vergangenes bezogen. Ein Trend hin zu reflektiertem Gegensteuerung sei bereits erkennbar. Zum Beispiel in Form von Meditation. Die Wissenschaftlerin empfiehlt, Routinen zu durchbrechen und sich positive, bleibende Erinnerungen zu schaffen. Hilfreich sei vor allem, bewusst neue Dinge zum ersten Mal auszuprobieren.

Weitere Infos gibt es hier

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